Der Salzburger Handschuster

Der Salzburger Handschuster

(Nachtrag zu Kapitel 31, Die Ritter der Kokosnuss, S. 209ff.)

Heute bin ich durch einen Link in der Familia Austria-Mailingliste auf die Salzburger Bürgerbücher seit 1441 gestoßen. Natürlich wollte ich sofort sehen, ob der Name Waltersdorfer darin vorkommt. Und siehe da: Aus dem Jahr 1464 findet sich folgender Eintrag:

Vermerckt das man Steffan Chnoll zu dem Chlaner zu bürgermaister hat erwelt des Suntags vor sand lorentzn tag Anno 1464

Und an sand partlmehs tag machtn wir new bürger als hernach geschribn stet

… Erhardt walderstorffer handtschuster ist Bürg wordn gibt vj fl iiij d

Stadt Salzburg, BU 14 Bürgerbuch 1441-1551, fol. 32
https://www.stadt-salzburg.at/buergerbuecher/bu_14_buergerbuch_1441%E2%80%931551.pdf

Die Ernennung neuer Bürger fand im Jahr 1464 in Zusammenhang mit der Erwählung eines zweiten Bürgermeisters statt. In der Geschichte der Stadt Salzburg gab es im 14. und 15. Jahrhundert meist zwei bis vier Bürgermeister gleichzeitig, die dieses Amt üblicherweise nur ein bis zwei Jahre lang innehatten. Offensichtlich gab es hier fließende Übergänge. So scheint Stefan Klanner bereits bei der vorhergehenden Bürgeraufnahme „an Suntag laetare in der vastn Anno 1646“ (also am vierten Fastensonntag) neben Hans Prätzl als zweiter Bürgermeister auf. Am Sonntag vor dem Fest des hl. Laurentius (10. August) tritt Stefan Knoll an die Seite von Klanner und löst damit Prätzl ab. Im Jahr 1466 finden wir Stefan Knoll als ersten Bürgermeister und an seiner Seite Wilhelm Stumpf.
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_B%C3%BCrgermeister_der_Stadt_Salzburg

Aber mehr als die Geschichte der Salzburger Bürgermeister würde uns natürlich Erhard Walderstorffer interessieren, der sich wenige Tage später am Barholomäustag (24. August) 1464 um 6 Gulden und 4 Dukaten (so interpretiere ich zumindest die Währungskürzel in diesem Buch) das Bürgerrecht in Salzburg erkauft. Leider erfahren wir über ihn nicht gerade viel, nur seinen Beruf: Er ist Handschuster.
Heutzutage würde man natürlich sagen, das bezeichne ihn als kleinen Schuster, der noch mit der Hand arbeitet, während andere bereits auf die maschinelle Produktion von Schuhen umgestiegen seien. Diese Alternative stellt sich im 15. Jahrhundert wohl noch nicht.
Daher vermute ich, dass hier der Handschuster im Unterschied zum Fußschuster steht. Während jener für die Bekleidung der Füße zuständig ist, ist also wohl der Handschuster der Fachmann für die Bekleidung der Hände. Er macht also Hand-Schuhe. Später hat man diesen Beruf dann Handschuhmacher bezeichnet (eine kleine, aber feine Nuance: der Hand-Schuhmacher wird zum Handschuh-Macher).

Irgendwie bin ich gar nicht erfreut, diesem Erhard hier in Salzburg zu begegnen, wo gute 40 Jahre zuvor Hans Waltensdorfer in den Truppendienst des Erzbischofs eingetreten ist. Denn es legt irgendwie die Vermutung nahe, dass Erhard ein Nachkomme von Hans sein könnte. Dann wäre dieser möglicherweise doch in Salzburg geblieben und nicht in die Südoststeiermark abgetaucht.

Ich bevorzuge daher eine Kompromissvariante, die beides offen hält. Es könnte sehr wohl Erhard ein Nachkomme von Hans sein, was Hans dennoch nicht darin hindern muss, sein weiteres Leben in der Steiermark zu verbringen. Vielleicht ist sein Sohn (?) Erhard, wenn er schon alt genug war, in Salzburg geblieben oder es hat ihn später zurück nach Salzburg verschlagen. Da er in den Salzburger Bürgerbüchern bis ins 18. Jahrhundert hinein der einzige Träger unseres Familiennamens ist, scheint es jedenfalls keine längerfristige Präsenz einer Familie Waltersdorfer in Salzburg gegeben zu haben.

Eines fällt aber noch auf: Wir haben hier in dieser Frühphase der Familiengeschichte wieder einen bürgerlichen Waltersdorfer vor uns. Und die geographische Breite, in der uns diese bürgerlichen Familienvertreter im 15. und 16. Jahrhundert begegnen, von Salzburg, über Wels (Spitalmeister Sigmund), Kirchberg am Wechsel (Lederermeister Wolff), Wiener Neustadt (Stadtrichter Andreas) bis nach Wien (Hausbesitzer Hans), ist doch verblüffend. Denn, wie ich im Buch aufzeigen kann, liegen die Wurzeln der heutigen Vertreter sowohl der oberösterreichischen Wallersdorfer als auch der steirischen Waltersdorfer ab dem 16./17. Jahrhundert ausschließlich im bäuerlichen Milieu.

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